Vom Teilnehmer zum Teamleader: Wie eine Jugendbegegnung Kreise zieht

Für Hasan Yavuz war die tansanisch-deutsche Jugendbegegnung auf Sansibar seine erste Reise außerhalb Europas – und eine Erfahrung, die Vieles verändert hat. Heute übernimmt er selbst Verantwortung als Teamleader unserer neuen südafrikanisch-deutschen Begegnung zu SDG 9.

Von der ersten internationalen Jugendbegegnung bis zur eigenen Projektleitung: Hasans Weg zeigt, was aus einer einzigen Begegnung entstehen kann. Wir haben ihn gefragt, was sich für ihn verändert hat – und was er heute an andere junge Menschen weitergeben möchte.


Hasan, wie hat deine Teilnahme an der tansanisch-deutschen Jugendbegegnung deinen Blick auf Nachhaltigkeit und internationale Zusammenarbeit verändert?

Enorm – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Vorweg muss man wissen: Es war meine erste Reise außerhalb Europas. Zum ersten Mal war ich darauf angewiesen, über einen längeren Zeitraum ausschließlich Englisch zu sprechen. Und ganz ehrlich: Weil ich neben dem Studium viel gearbeitet habe, um es zu finanzieren, hatte ich eine solche Reise finanziell nie für möglich gehalten. Umso besonderer war für mich dieser Sprung auf die Südhalbkugel.

Beim Thema Nachhaltigkeit merkt man zum ersten Mal ganz konkret: Was hier als nachhaltig gilt, ist es dort nicht zwangsläufig – und umgekehrt. Unser Bewusstsein dafür wurde enorm geschärft, gerade weil wir gesehen haben, wie sehr die einzigartige Schönheit Sansibars unter Vermüllung, vor allem durch Plastik, leidet.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis mir wirklich bewusst wurde, welches Glück ich hatte, Teil dieser internationalen Jugendbegegnung zu sein. Die Begegnungen mit den Menschen dort und die Freundschaften, die bis heute halten, haben mein Denken über internationale Zusammenarbeit grundlegend verändert. Nein – sie haben mich als Person verändert. Genau deshalb halte ich interkulturellen Austausch heute für essenziell.

Hasan (2. v.l.) mit der Gruppe des "More Taste, Less Waste!" Projekts bei einer Strandsäuberungsaktion in Sansibar. ©Ludwig Wolker e.V. 2024

Gab es während oder nach der Begegnung einen Moment, an dem du gemerkt hast: Ich möchte nicht nur teilnehmen, sondern selbst etwas gestalten und weitergeben?

Von allen Teilnehmenden hatte ich die längste Anreise – von Saarbrücken nach Berlin – und entsprechend viel Zeit im Zug. Ich erinnere mich noch genau: Schon auf der Heimfahrt vom ersten Kennenlerntreffen in Berlin konnte ich es kaum erwarten, dass es richtig losgeht. Diese Vorfreude wuchs von Tag zu Tag. Und als ich nach dem Aufenthalt in Sansibar wieder zuhause war, hatte ich einen schier grenzenlosen Tatendrang: Ich wollte meinen Mitmenschen genau das ermöglichen, was ich selbst erleben durfte. Diese Erfahrung sollte niemandem verwehrt bleiben.

Also habe ich mit einem Verein in Saarbrücken gesprochen und wollte eine eigene Begegnung in Kooperation mit dem LWV starten. Am Ende ist daraus etwas noch Größeres geworden: Ich plane und leite gemeinsam mit dem LWV nun selbst eine Jugendbegegnung – als Teamleader. Dafür bin ich unglaublich dankbar. Meine Eltern sind übrigens auch sehr stolz auf mich – ich bin gefühlt der erste Kurde, der jemals in Afrika war.

Hasan während eines postkolonialen Stadtrundgangs in Berlin als Teil des "More Taste, Less Waste!" Projekts. ©Ludwig Wolker e.V. 2024

Nach der Begegnung hast du dich weiter international engagiert und unter anderem an einem Programm in Namibia teilgenommen. Was hast du aus diesen Erfahrungen mitgenommen – und wie gibst du dieses Wissen heute an andere junge Menschen weiter?

Der Workshop wurde vom Deutsch-Afrikanischen Jugendwerk durchgeführt und hatte ein klares Ziel: uns zu befähigen, eigene Programme zu gestalten – inklusive aller Voraussetzungen und der oft unterschätzten Bürokratie dahinter. Eine Woche lang war ich mit Menschen zusammen, die ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie ich, und der Austausch mit ihnen war unglaublich bereichernd. Es war eine wirklich motivierende Zeit.

Was ich anderen mitgeben möchte: sich sozial zu engagieren – auch national – und nicht zu glauben, eine Auslandserfahrung sei aus finanziellen Gründen automatisch unmöglich. Gerade meine Teilnahme am Sansibar-Projekt hat mir überhaupt erst die Tür zu einem weiteren afrikanischen Land geöffnet. Diese Geschichte erzähle ich sehr gerne, weil sie zeigt, wie viel soziales Engagement bewirken kann – wie ein Stein, der immer weitere Kreise zieht.

Hasan im Gespräch mit einer Teilnehmerin des "More Taste, Less Waste!" Projekts mit Sansibar. ©Ludwig Wolker e.V. 2024

Heute übernimmst du selbst Verantwortung für unsere neue südafrikanisch-deutsche Jugendbegegnung zu KI, Digitalisierung und SDG 9. Was möchtest du den Teilnehmenden mitgeben – und was sollen sie anschließend selbst in ihre Communities tragen?

Steckt so viel Energie wie möglich in dieses Projekt – ihr werdet ein Vielfaches davon zurückbekommen! Es ist wirklich euer Projekt, und ihr könnt aktiv mitgestalten, was ihr erleben wollt. Das wird kein Fünf-Sterne-Urlaub, sondern etwas viel Wertvolleres, das kein Geld der Welt kaufen kann: die Geschichten anderer Gesellschaften und einzelner Menschen aus erster Hand kennenzulernen.

Bleibt offen für neue Kulturen und schätzt Vielfalt. Und genau dieses Mindset sollte jede und jeder vor allem dadurch weitergeben, dass er oder sie es lebt – im eigenen Umfeld, in der eigenen Community. Das ist letztlich das Wertvollste, was eine Gesellschaft zusammenhält.

Was braucht es deiner Erfahrung nach, damit aus Teilnehmenden internationaler Jugendbegegnungen langfristig Menschen werden, die selbst Verantwortung übernehmen und nachhaltige Entwicklung mitgestalten?

Nicht mehr und nicht weniger, als es bei mir war. Ein Mensch wird durch seine Erfahrungen geprägt – und wer Auslandserfahrung sammelt, entwickelt eine deutlich offenere Haltung gegenüber der Gesellschaft. Ich glaube, dadurch entsteht auch ein Bewusstsein dafür, Vorurteile abzubauen. Es macht eben einen Unterschied, ob jemand über das eigene Volk sagt „So sind wir nicht" – oder ob jemand sagt: „Ich war wirklich überrascht, in vielen Bereichen sind sie uns sogar voraus."

Wichtig ist mir auch zu betonen: Es braucht dafür Unterstützung – durch Förderungen und durch Organisationen wie den LWV, die einerseits Projekte durchführen und andererseits Workshops anbieten, die genau diese Perspektiven ermöglichen.


Danke, Hasan, für dein Engagement und für das Interview. Wir freuen uns darauf mit dir weiterhin zusammenzuarbeiten!

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